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Journaling · 28. Mai 2026

Journaling anfangen: so kommst du über die erste leere Seite

Die erste Seite ist bei fast allen die schwerste. Nicht, weil einem nichts einfällt — sondern weil man glaubt, es müsste gleich etwas Gutes dastehen.

Falls nichts kommt Einfach aufschreiben, was gerade im Raum zu hören ist. Danach geht es meistens weiter.

das Wichtigste

Das Wichtigste in Kürze

Aufgeschlagenes Notizbuch mit leeren Seiten und goldenem Stift auf einem hellen Holztisch, daneben Tee, eine brennende Kerze und weiße Wiesenblumen
Eine leere Seite und fünf Minuten

Journaling hat in den letzten Jahren ein Problem bekommen: Es wird verkauft wie ein Trainingsplan. Habit Tracker, Streaks, Systeme mit Farbcodes. Ich habe selbst drei angefangene Notizbücher im Regal stehen, bei denen genau das der Grund war — der Anspruch war größer als der Moment, in dem ich eigentlich nur fünf Minuten Ruhe wollte. Das mag für manche funktionieren, aber für die meisten ist es genau der Grund, warum das Buch nach zwei Wochen im Regal liegt.

Was tatsächlich hilft

1Mit einer Frage anfangen, nicht mit einer leeren Seite

Eine leere Seite ist eine offene Aufgabe, und offene Aufgaben schiebt man auf. Eine Frage dagegen kann man beantworten — bei mir reicht oft schon der Blick auf die dampfende Tasse neben dem Buch, um auf eine Antwort zu kommen. Zum Beispiel: Was hat mir heute wirklich gutgetan? Was möchte ich loslassen? Zwei Sätze genügen.

2Fünf Minuten reichen

Nicht zwanzig, nicht eine Seite, nicht drei Seiten am Morgen. Fünf Minuten sind kurz genug, dass man sie an einem schlechten Tag trotzdem hat. Wenn mehr kommt, kommt mehr — aber das darf nicht die Erwartung sein.

3Kein Anspruch an die Formulierung

Es ist kein Text, es ist ein Ablageort. Halbe Sätze, Stichworte, ein Wort. Der Nutzen entsteht beim Schreiben, nicht beim Lesen. Es liest ohnehin niemand — auch du selbst meistens nicht.

4Ein fester Ort schlägt Disziplin

Wenn das Journal sichtbar liegt, wird es benutzt. Auf dem Nachttisch, neben dem Sessel, auf dem Küchentisch. In der Schublade bleibt es liegen. Das ist der ganze Trick, und er ersetzt jeden Vorsatz.

Geschlossenes leinengebundenes Notizbuch mit Stift auf einem Schreibtisch aus heller Eiche, daneben eine Tasse und ein kleiner Strauß
Sichtbar liegen lassen — der ganze Trick

5An eine bestehende Gewohnheit hängen

Nicht 'ab morgen jeden Abend', sondern 'nach dem Tee'. Etwas, das ohnehin passiert, trägt die neue Sache mit. Der Kaffee am Morgen und die Kerze am Abend sind die zuverlässigsten Aufhänger.

6Lücken sind keine Fehler

Zwei Wochen nichts geschrieben, dann liegt das Buch wieder aufgeschlagen da wie am ersten Tag. Man macht einfach an der nächsten Seite weiter, ohne Datum, ohne Erklärung dafür, wo man war. Wer jede Lücke als Scheitern liest, legt irgendwann ganz auf.

Drei Fragen, mit denen man immer anfangen kann

Wenn gar nichts kommt, helfen konkrete Fragen mehr als jeder gute Vorsatz. Diese drei funktionieren fast immer, weil sie sich nicht beantworten lassen, ohne dass man kurz nachdenkt — und weil keine davon nach einer großen Erkenntnis verlangt.

Was hat mir heute gutgetan? Auch an einem schlechten Tag gibt es meistens etwas. Die Frage zwingt zum Hinsehen, ohne den Tag schönreden zu müssen. Was hat mich beschäftigt? Nicht bewerten, nur benennen. Vieles verliert an Gewicht, sobald es auf Papier steht. Was möchte ich morgen anders machen? Ein Satz reicht, und er darf klein sein.

Was Journaling nicht ist

Es ist kein Tagebuch. Niemand muss aufschreiben, was den ganzen Tag passiert ist — das ist Protokollarbeit und genau der Grund, warum die meisten nach einer Woche aufhören. Es geht nicht um Vollständigkeit, sondern um die eine Sache, die noch im Kopf hängt.

Es ist auch kein Tracker. Streaks, Punkte und Farbcodes verwandeln etwas Freiwilliges in eine weitere Pflicht mit Bewertung. Und es ist keine Therapie. Schreiben hilft beim Sortieren, es ersetzt aber keine Behandlung. Wenn etwas zu schwer wird, gehört es nicht ins Notizbuch, sondern in ein Gespräch.

Wann am Tag geschrieben wird

Morgens und abends fühlen sich völlig verschieden an. Morgens ist das Schreiben nach vorn gerichtet: Was steht an, worauf freue ich mich, was will ich heute nicht vergessen. Der Kopf ist klarer, die Sätze werden kürzer und praktischer.

Abends ist es ein Rückblick, und es geht mehr um Sortieren als um Planen. Vieles, was tagsüber groß wirkte, schrumpft beim Aufschreiben auf Normalmaß. Wer schlecht einschläft, weil der Kopf noch arbeitet, ist abends meist besser aufgehoben.

Man muss sich nicht entscheiden. Aber es hilft, es eine Weile bei einer Tageszeit zu belassen — sonst wird jeden Tag neu verhandelt, ob überhaupt geschrieben wird.

Womit man schreibt, spielt eine kleine Rolle

Ein Buch, das nicht flach aufliegt, wird seltener benutzt. Das klingt banal, ist aber der häufigste Grund, warum ein schönes Notizbuch im Regal bleibt. Fadenbindung oder Spirale schlagen jede Klebebindung.

Papier ohne Linien lädt eher zum Kritzeln ein, liniertes senkt die Hemmschwelle beim Schreiben. Und ein Stift, der gut läuft, ist kein Luxus — wenn Schreiben körperlich angenehm ist, macht man es öfter. Teuer muss nichts davon sein.

„Journaling, das den Kopf frei macht, braucht keine Regeln. Nur eine Frage und fünf Minuten."

Olga Reyes-Busch

Häufige Fragen

Wie fängt man mit Journaling an?

Mit einer konkreten Frage statt einer leeren Seite und mit fünf Minuten statt einer festen Seitenzahl. Am einfachsten hängt man das Schreiben an eine bestehende Gewohnheit, etwa an den ersten Kaffee oder den Tee am Abend.

Muss man jeden Tag journaln?

Nein. Regelmäßigkeit macht es leichter, ist aber keine Bedingung. Auch einmal pro Woche wirkt, und Lücken sind keine Fehler — genau die Vorstellung, es müsse täglich sein, lässt die meisten wieder aufhören.

Was schreibt man ins Journal, wenn einem nichts einfällt?

Etwas Konkretes aus dem Moment: was gerade zu hören ist, was auf dem Tisch steht, wie das Wetter war. Das klingt banal, löst aber zuverlässig die Blockade, weil man nichts erfinden muss.

Braucht man ein bestimmtes Notizbuch?

Nein. Wichtig ist nur, dass es aufgeht, ohne zuzuklappen, und dass es dort liegt, wo man ohnehin sitzt. Ein teures Buch erhöht eher die Hemmung, die erste Seite zu beschreiben.

Passt dazu

bis bald

Ich hoffe, du nimmst etwas mit — und sei es nur eine Kleinigkeit, die du heute Abend ausprobierst. Perfekt muss nichts werden. Schön reicht.

Olga